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„Allein reisen? Nichts für mich!“ – 4 Vorurteile über das Alleinreisen

Wenn ich berichte, dass ich allein reise, höre ich immer wieder: „Allein reisen? Das könnte ich nicht.“ Immer wieder frage ich mich dann, wieso eigentlich nicht. Es ist ja nicht so, wie als würde ich oder ein anderer der Alleinreisenden, die ich so treffe, Großartiges leisten, wenn wir unterwegs sind. Wir tun es einfach, ohne zu viel zu überlegen. Trotzdem halten sich bisher 4 Vorurteile über das Alleinreisen, wegen derer einige davor zurück schrecken.

 


 

1) Vorurteile über das Alleinreisen: „Ich kann das allein nicht“

 

Das Misstrauen sich selbst und Anderen gegenüber.

 

Natürlich kann man mal daran denken, allein zu reisen. Aber das dann wirklich tun? Nein danke.

<>Wie soll ich mich denn da zurecht finden, in diesem fremden Land? Vielleicht ohne Internet, ohne, dass ich die Sprache der anderen spreche?

Mit Bussen, die nicht nach Plan fahren, wenn es überhaupt Pläne gibt – oder Busse. Und vor allem ohne vorher etwas zu buchen? Was, wenn ich dann plötzlich kein Hotel mehr finde? Und sowieso ist es doch viel zu anstrengend, erst eins vor Ort suchen zu müssen. Das geht ganz bestimmt in die Hose!

Aber vor allem – was ist, wenn etwas passiert?

 

Wo kommen all diese Gedanken her?

Macht uns das Fremde wirklich so viel Angst? Ich bin mit der Einstellung groß geworden, dass ein Mensch erst einmal gut ist, bis ihn schwerwiegende Umstände vielleicht negativ beeinflussen. Wir leben in einer Zeit, in der wir auf der Straße zahlreiche Nationalitäten, Kulturen und Religionen antreffen, mit ihnen im selben Haus leben, zur selben Schule gehen, mit ihnen befreundet sind.

Trotzdem – sich dem in einem anderen Land, ganz allein zu stellen, das hinterlässt plötzlich Zweifel.

Irgendwie sind wir erfüllt von Misstrauen. „Den Anderen“ gegenüber, und uns selbst gegenüber. Ich würde sogar noch weiter gehen: Dem Leben gegenüber.

 

Wir wagen das Vertrauen nicht, dass Menschen es gut mit uns meinen. Wir wagen es nicht, dem Leben zu vertrauen, dass es schon alles richten wird. Und wir vertrauen nicht darauf, dass wir selbst genügend Fähigkeiten, Kraft und Mut mitbringen, um auch ohne Unterstützung schwierige Situationen zu meistern. Und dabei ist die Erfahrung, genau das zu begreifen, atemberaubend.

 

Übrigens etwas, dem ich zwar nicht zum Reiseantritt begegne, aber jedes Mal, wenn ich mich an einem Ort während der Reise sehr wohl zu fühlen beginne und dann weiter ziehe. Ein mulmiges Gefühl entsteht jedes Mal – denn mich erwartet Unbekanntes. Vielleicht werde ich im nächsten Hostel keine netten Leute treffen. Vielleicht werde ich den Bus verpassen und dann erst im Dunkeln ankommen, und mich fürchten, den Weg nicht zu finden. Vielleicht wird die nächste Stadt mir nicht gefallen, oder das Wetter wird dort viel schlechter sein.

Ich glaube, dass kein Alleinreisender vor Unbehagen oder auch mal Ängsten gefeilt ist. Ob es vor Insekten, Schmutz, Krankheiten, der Dunkelheit oder eben dieser leisen Angst vorm Unbekannten ist.

Aber wieso brechen wir Alleinreisenden dennoch auf und ziehen in die Welt hinaus, und wieso tun wir das sogar immer und immer wieder?

Vielleicht haben wir das Glück gehabt, zu erfahren, dass man immer irgendwo einen Platz zum Schlafen findet. Dass dann, wenn der Bus einfach nicht kommen will, ein Auto hält, dessen Besatzung einem anbietet, einen mitzunehmen. Dass man immer irgendwie ankommt, oder irgendwo, auch wenn das Ziel gar nicht geplant war, und man von dort auf einmal gar nicht mehr weg will. Vielleicht haben wir erfahren, dass es immer Menschen gibt, die einem helfen, dass sich alles irgendwie regeln lässt. Und dass wir, wenn doch mal etwas ordentlich in die Hose geht, eben auch nicht daran kaputt gehen. Stattdessen wachsen wir daran.

 


 

2) Vorurteile über das Alleinreisen: „Das ist doch langweilig“

 

Wir haben verlernt, mit uns allein und im Moment zu sein

 

In einer Zeit, in der alles schnell geht, in der wir mit Technik und Wissen und Möglichkeiten überschüttet werden, in der es immer höhere Ziele anzustreben gilt, Beziehungen kurzlebiger werden, Bildung anspruchsvoller, in der wir ständig erreichbar sind und ständig kommunizieren, ohne persönlich voreinander zu stehen, in solch einer Zeit geht es nicht mehr darum, in einem Moment zu verweilen.

Wir müssen immer gleich schon in den nächsten.

Irgendwann hat es angefangen, dass Stille uns merkwürdig vorkommt. Dass wir den Fernseher anschalten, wenn wir nach Hause kommen, damit wir Geräusche um uns haben. Dass er sogar dann läuft, wenn wir gerade telefonieren, oder lernen, oder lesen. Wir sind es auch nicht mehr richtig gewohnt, den Blick für längere Zeit auf etwas zu richten. Stattdessen kramen wir schnell die Kamera oder das Handy heraus und machen davon ein Foto. Natürliche Gerüche übertünchen wir mit Parfums, und Fastfood geht schneller und praktischer als selbst etwas Frisches zu kochen.

Wir stumpfen unsere Sinne ab.

Ich glaube zwar, dass langsam wieder ein Ruck durch die Gesellschaft geht, es gibt eine Gegenbewegung, aber noch stecken Viele tief drin. Ich ebenso.

Allein sein, das bedeutet für viele Langweile, Trostlosigkeit, vielleicht sogar Scham. Allein und einfach nur für sich sein ist in der heutigen Zeit nicht mehr salonfähig.

Und da hätten wir dann auch das Problem mit dem Allein reisen:

Du wirst Zeiten haben, da bist du allein. Vielleicht wirst du Zeiten haben, da funktioniert kein Internet, und du wirst feststellen, dass dein Handy dir ohne Internet nicht mehr viel zu bieten hat. Es wird Zeiten geben, da siehst du, wie lachende Paare das Hostel verlassen um essen zu gehen, und du zurück bleibst, und du wirst vielleicht an den geliebten Menschen denken, der gerade zu Hause sitzt und der dir fehlt. Du wirst allein essen, alleine durch die Stadt wandern, alleine in Taxis steigen und auf atemberaubende Aussichten schauen.

Es wird Zeiten geben, da wirst du in überfüllten Bussen sitzen oder im Stau stehen, ohne weg zu können. Es wird Zeiten geben, wo deine Handykarten versagen, und du plötzlich nicht mehr stur einer Wegbeschreibung folgen kannst und an denen dich starker Regen einen ganzen Tag im Hotel einsperrt. Oder dein Handy versagt ganz, und du kannst dir die Zeit nichtmal mehr mit Chatten oder Facebook verbringen.

 

Du wirst früher oder später als Alleinreisender den Moment nehmen müssen, wie er ist. Und dann kannst du nur wählen, ob du über ihn meckern und in schlechter Erinnerung behalten oder ob du ihn nutzen, mit deinen Sinnen aufnehmen und ihn genießen möchtest. Du wirst an dir selbst beim Reisen nicht vorbei kommen, und auch dich selbst musst du dann wahrnehmen, wie du bist.

Es wird Zeiten geben, da bist du mit dir selbst allein. Wenn du Glück hast, wirst du dann dein eigener guter Freund.

 

Und dann wirst du schnell merken, dass allein reisen ganz und gar nicht langweilig ist, im Gegenteil: Es warten unzählige Abenteuer auf dich, die du in Begleitung nie erlebt hättest. Einfach nur deshalb, weil du plötzlich offen für sie wirst, dich frei machst, dich treiben lässt.

 


 

3) Vorurteile über das Alleinreisen: „Dann bin ich ja ganz alleine“

 

Allein reisen heißt nicht, allein zu sein.

 

Ich weiß noch, wie ich vor meiner viermonatigen Reise, die erste richtige Reise, die ich allein antrat, dachte, ich würde tagelang allein im Niemandsland verbringen.

Mich auf mich selbst besinnen, entspannen, Energie sammeln.

Dazu kam eine Furcht, dass mir auch gar keine andere Wahl bleiben würde: Was, wenn ich in den Hostels einfach nie jemanden kennenlernen würde? Was, wenn ich jemand sein werde, der auf Reisen immer allein bleiben würde? Wie viele andere Reisende konnte man überhaupt schon treffen?

Die gute Nachricht ist: Unzählige!

Die möglicherweise schlechte ist: Du wirst vielleicht viel seltener alleine sein, als es dir lieb wäre.

Selbst, wenn du es nicht drauf anlegst, werden dich Leute ansprechen. Reisende im Hostel, Einheimische auf der Straße, im Bus wirst du neben wem sitzen, der dir von seinem Leben zu Hause erzählt, du wirst Weltreisende kennenlernen, Paare, Gruppen, den alten Ladenbesitzer von nebenan und die junge Schülerin, die mit dir im Zug fährt.

Je öfter du allein reist, desto mehr wirst du selbst wählen, ob dir nach Kontakt ist oder nicht. Ob du dich anderen zum Essen anschließt oder lieber allein essen gehen möchtest. Ob du spontan beschließt, in die nächste Nachbarstadt zu fahren, weil sie dich einfach brennend interessiert, oder ob du lieber eine Wandergruppe aus dem Hostel zum nahegelegenen Berggipfel begleitest. Natürlich gibt es Länder, wo du mehr Reisende treffen wirst, als in anderen. Dafür sind in Letzteren vielleicht die Einheimischen viel herzlicher und offener. Und weniger Reisende im Land kann sogar noch eher dazu führen, dass man sich schnell zu einer Gemeinschaft zusammenfügt und die selbe Route antritt.>

 

Ich glaube, dass Reisende – gerade Backpacker –  mehr als jede andere Gruppe aufgeschlossen, kontaktfreudig und gesellig sind. Dass es egal ist, woher du kommst, was du tust oder wie alt du bist. Am Ende des Tages sitzt man dennoch mit einem Bier zusammen auf der Terrasse und spielt Karten.

Das wohl verkehrteste Vorurteil über das Alleinreisen ist, dass du ständig und gezwungenermaßen allein bist.

 


 

4) „Das wirkt, wie als hätte ich keine Freunde“

 

Allein reisen heißt vor allem nicht, einsam zu sein.

 

Klar, ich verstehe das. Nicht nur, dass man vielleicht nicht jemanden neben sich stehen hat, wenn man allein reist. Man fühlt sich eben auch wirklich manchmal einsam.

Weil da vielleicht mal keiner ist, mit dem man Erfahrungen austauschen kann. Weder den traumhaften Sonnenuntergang teilt man, noch die Schlägerei, die man an der Straße beobachtet hat. Und dann wird es hier und da einen Tag geben, wo Du das Gefühl hast, dass die Welt gerade gegen dich steht. Wo Leute dir unfreundlich begegnen, dein Bus ausfällt, deine kurzfristig entdeckte Unterkunft zum Fürchten aussieht, die Nacht dann auch noch viel zu kalt ist und dir vor dem Schlafengehen auffällt, dass du deine Kreditkarte verloren hast.

>Und dann ist da keiner, der dich damit auffängt.

Denkt man zumindest.

Denn deine Freunde, die sitzen doch dennoch zu Hause. Die sind trotzdem da, auch wenn euch hunderte Kilometer trennen. Würdest Du die nicht auch zu Hause anrufen, wenn es dir schlecht ginge? Würdest Du Ihnen nicht auch eine Nachricht schreiben, wenn Du dich ärgerst, oder ihnen ein Bild vom traumhaften Sonnenuntergang schicken, wenn du das Gleiche zu Hause erleben würdest?

Ich verstehe, dass Teilen etwas Bereicherndes ist, einem hier und da Sicherheit gibt oder einem den Frust nehmen kann.

Und manchmal können andere, gerade erst flüchtig kennengelernte Personen, auf deiner Reise nicht das leisten, was deine Freunde und Familie zu Hause in den gleichen Situationen leisten würden.

Die Lösung ist jedoch greifbar, und wird sogar immer leichter: Greife zum Handy und rufe an. Schreibe deine Nachricht, schicke dein Foto, hinterlasse eine Sprachnachricht. Nutze Videotelefonie, Skype, schreibe Briefe oder Postkarten und schicke sie am nächsten Tag ab.

 

Aber was ist mit den Anderen? Die, die dich allein im Café sitzen sehen, oder im Restaurant. Die, die dich allein über die Straße schlendern sehen und sich bestimmt fragen, ob du keine Freunde hast. Ist doch peinlich, oder nicht?

 

Nein, ist es nicht. Und die wenigsten werden sich das fragen. Ich sage es ehrlich: Vielleicht erntest du mal einen nach Mitleid aussehenden Blick. Aber das ist nicht die breite Masse.

Die breite Masse der Einheimischen ist mit Tourismus vetraut. Selbst, wenn das allein reisen in ihrer eigenen Kultur gerade für Frauen ganz und gar nicht üblich ist, werden sie gespannt sein zu hören, wieso du es tust. Die breite Masse ist interessiert an dir, oder ganz im Gegenteil, schert sich überhaupt nicht drum, was du tust und wieso. In den typischen Backpackerländern (Südamerika, Asien) sind Alleinreisende ein vollkommen alltägliches Bild.

Und unter Reisenden ist es sowieso schonmal egal, wie alt du bist, wo du herkommst, was du tust, ob du verheiratet bist mit Kindern zu hause oder Single und dich austobst, ob du lange reist oder nur einen kurzen Wochenendausflug genießt, euch alle verbindet das Reisen und die Freude daran. Auch, ob du Allein reist oder in einer Gruppe hinterlässt keine offenen Fragen in den Köpfen der anderen Reisenden.

In den Jahren, in denen ich jetzt schon alleine reise, habe ich auf meinen Reisen selbst stets Zuspruch von Anderen erhalten. Noch nie hat mich jemand gefragt, ob ich keine Freunde hätte, dass ich allein reise. Es passiert einfach nicht.

Glaub mir: Allein reisen ist viel normaler, als man denkt.

 

Allein reisen bedeutet nicht, dass du einsam bist. Weder du selbst solltest so denken, noch tun es die Anderen.

Allein reisen heißt lediglich, dass es viel zu entdecken gibt. Und dass du nicht warten möchtest, bis jemand anderes so Urlaub hat wie du. Oder, dass du gut und gerne deine eigene Gesellschaft genießen kannst. Oder, dass dir etwas daran liegt, dich selbst weiterzuentwickeln.

Es gibt etliche Gründe dafür, allein  reisen. Und das Alleinreisen kann vielleicht sogar einige Aussagen über dich treffen. Aber es ist absolut kein Beleg dafür, dass du einsam bist, oder dich einsam fühlen musst.

 


 

Abschließende Worte

 

Alleine reisen ist in der heutigen Zeit bei weitem keine Ausnahme mehr. Es ist nicht immer leicht und auch nicht für jeden das Richtige, und vor Allem nicht die einzig wahre Art zu reisen. Nichtsdestotrotz gibt es ein paar Vorurteile über das Alleinreisen, die oft nicht die Realität treffen und einem möglicherweise eine schöne Erfahrung verwehren. Und wenn Du das weißt, vielleicht traust du dich ja dann doch mal, alleine loszuziehen?

 

Weitere Artikel zum Alleinreisen:

 

♦ Alleine reisen als Frau – schwerer als für Männer?
♦ Alleine verreisen: 8 klare Vorteile gegenüber dem Reisen in Begleitung
♦ Das erste Mal allein verreisen: 9 hilfreiche Vorbereitungen
♦ 7 geniale Ideen: Beim Reisen Leute kennenlernen

 

Weiterführende Artikel:

♦ Conni von Planetbackpack hält ein paar Tipps bereit, wie du untwewegs als Alleinreisender besser an Kontakte kommst
♦ Ute von Bravebird hat 10 Ziele aufgelistet, die sie als Start für Alleinreisende empfehlen kann
♦ Auch Melanie von Good morning world hat sich Gedanken gemacht und zählt Vorteile, aber auch Nachteile des Alleinreisens auf.

 

Kennst Du diese Vorurteile über das Alleinreisen? Hast Du sie vielleicht selbst einmal gehabt? Würdest Du ihnen heute widersprechen oder teilweise zustimmen?

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2 Kommentare für “„Allein reisen? Nichts für mich!“ – 4 Vorurteile über das Alleinreisen

    1. Hallo Ulrike,

      das finde ich eben auch wichtig: Alleinreisen ist nicht die ultimative Lösung für jedermann. Aber manch einer hat vielleicht Ängste, die ihn von seiner Wunschreise alleine abhalten, obwohl diese sich in der Realität gar nicht halten würden.
      Deinen Artikel finde ich da sehr passend, um sich einmal selbst zu fragen, ob man bereit für das Alleinreisen ist oder nicht :-).

      Danke für deine Einschätzung!

      Marie

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