Inhaltsverzeichnis
Aktualisiert zuletzt am 14. Februar 2022
1) Novi Sad: Die besondere Kulturhauptstadt 2021
Jedes Jahr wird eine Stadt in Europa zur Kulturhauptstadt gekürt. 2021 kommt Novi Sad im Norden Serbiens diese Ehre zuteil. Und das ist geradezu ein Meilenstein, denn zum ersten Mal wird mit Novi Sad eine Stadt ausgezeichnet, die nicht Teil der EU ist. Novi Sad hat sich jedoch nicht nur als zukünftige Kulturhauptstadt durchgesetzt. 2019 wird Novi Sad Europäische Jugendhauptstadt sein.
Novi Sad beherbergt Serbiens zweitgrößte Universität. Dass dieser Faktor zahlreiche junge Leute in die Stadt lockt, zeigt auch das bekannte Musikfestival „Exit”, welches jedes Jahr in Novi Sad stattfindet.
Und noch etwas zeichnet Novi Sad in Serbien aus: In der Stadt wimmelt es von Fahrradfahrern. Bereits 1880 gab es dort die ersten Fahrräder.
Von all dem habe ich jedoch noch keine Ahnung, als ich im Bus von Ungarn nach Novi Sad sitze und dabei ganze drei Stunden an der serbischen Grenzkontrolle festhänge. Nicht nur deshalb ist meine Laune nicht gerade in Topform, als ich die zukünftige europäische Kulturhauptstadt endlich erreiche.
2) Ankunft in Novi Sad und die zwei Seiten einer Medaille
Ich frage mich, was mich in Novi Sad erwartet. Und kriege etwas Angst. Der Bahnhof sieht halb zerfallen aus. Hässlich. Der Bahnhofsvorplatz ist ein großes Chaos mit etlichen Bussen, Minibussen und nicht ganz vertauenserweckend aussehenden Menschen. Die alten Vorurteile melden sich pochend hinter meiner Stirn. Hier in Novi Sad könnten sie wahr werden, die Diebstähle, das Ausspionieren beim Geld abheben am Bahnhofsautomaten, das Anpöbeln.
Zum Glück bin ich nicht allein.
Zwei Amerikanerinnen aus dem Bus sind bei mir und wollen wie ich in das Zentrum von Novi Sad fahren. Im gegenüberliegenden, erstaunlich edel wirkenden Hotel lassen wir uns ein Taxi in die Innenstadt rufen. Das klappt problemlos. Der Taxifahrer quatscht ein wenig mit uns über Fußballmannschaften. Es ist WM.
Wir fahren auf breiten Straßen mit viel Verkehr. Links und rechts tun sich große, graubraune Gebäude auf, die fast so düster wirken wie das Bahnhofsgebäude. Die Fassaden ehemals vermutlich zauberhafter Häuser haben ihren Glanz verloren, bröckeln und sind mit Graffity beschmiert. Ich bin für einen kurzen Moment froh, dass ich hier jederzeit wieder weg kann.
Dann erinnere ich mich, wie sehr ich eigentlich genau sowas bei meinen Reisen liebe: Die Pfade abseits der Touristen. Das echte Leben. Das, was ein Land ausmacht, wenn man seine Hauptstadt und die Hauptsehenswürdigkeiten hinter sich lässt.
Plötzlich biegen wir ab und ich erkenne das Novi Sad, welches wir gerade noch durchfahren hatten, kaum wieder. Vor mir liegt ein verkehrsberuhigtes kleines Sträßchen mit bunten Häusern, Stühlen vor Cafés und kleinen Läden. Auf der anderen Seite eröffnet sich ein grüner Park. Hier wirkt Novi Sad ganz friedlich.
Dei beiden Amerikanerinnen und ich steigen aus und gehen von dort getrennte Wege. Ich laufe zu meinem Hostel. Während des Spaziergangs beginne ich, mein Herz für Novi Sad wahrhaftig zu öffnen. Ich vergucke mich in seine Authentizität. In die grauen Betonklötze im Rücken der Scharen von jungen Menschen. In die urigen Lokale und die modernen Cafés, an denen ich vorbei laufe. In die Aufkleber an den Laternen und die Blumen an den Fenstern, die mit strahlenden Farben gegen die Tristesse ankämpfen. In die ehemals vermutlich zauberhaften Häuser, die sich nach wie vor unter den bröckelnden Fassaden verstecken.
Im Hostel werde ich herzlich empfangen. Ich werde sogar auf ein Einzelzimmer geupgradet. Danach gibt es ein paar Willkommensshots Raki. Das gehört hier in Serbien einfach dazu. Dabei unterhalte ich mich mit dem Hostelmanager und einem Mitarbeiter, die mir von der Trinkkultur in Serbien berichten, mir Restauranttipps geben und mich über das Leben der jungen Leute in Serbien aufklären. Am nächsten Tag schauen wir gemeinsam mit serbischen Freunden Fußball, dazu gibt es Snacks und Drinks.
Gastfreundschaft ist eine weitere Facette, die mir in Novi Sad bereits am ersten Tag nahezu unerwartet begegnet und die Stadt für mich zeichnet.
3) Novi Sads Altstadt
Ich schlafe hervorragend in meinem eigenen Bett und Zimmer. Wohin es mich am nächsten Morgen zieht, liegt auf der Hand: Ich möchte die Altstadt von Novi Sad erkunden, die sich mir gestern nur kurz aus dem Taxi offenbart hat.
Tatsächlich steht die Altstadt im spürbaren Kontrast zu den umliegenden Vierteln. Die Häuser wirken alle gut in Schuss und haben wohl noch vor kurzem einen frischen Anstrich erhalten. Zwei stolze Kirchen überragen die etlichen Cafés und Bars im Zentrum. Es gibt große, helle Plätze, vegane Kulinaritäten und Streetart.
Die Altstadt wirkt insgesamt gepflegt und charmant. Ich kann mir gut vorstellen, wie sich dort am Wochenende abends die jungen Leute tummeln und danach durch die Clubs der Stadt ziehen.
Ich folge einer Straße, die mich ein wenig raus aus der Altstadt führt. Dort begegne ich sofort wieder dem üblichen Kontrast, der Novi Sad so prägt: Ein trostloser Klotz erhebt sich hinter einem architektonisch schönem Haus. Ich frage mich, ob man viel Geld haben muss, um hier zu wohnen. Oder, ob das hier eher zu den ärmeren Ecken der Stadt zählt.
Aber das weiß man in Novi Sad sowieso nie genau. Insgesamt stelle ich in Osteuropa immer wieder fest, dass das Äußere eines Gebäudes nur sehr wenig darüber auszusagen scheint, was für Menschen in seinem Inneren leben.
4) Das Burgareal von Novi Sad
Nach meinem Bummel durch die Altstadt von Novi Sad habe ich bereits einen ganz anderen Eindruck, als noch die erste halbe Stunde nach meiner Ankunft in der Stadt. Die damals empfundene Tristesse ist in den Hintergrund gerückt. Stattdessen nehme ich die zukünftige Kulturhauptstadt als vielseitig und sympathisch wahr. Früher einmal, so stelle ich mir vor, muss das Zentrum von Novi Sad wie aus einem Märchenbuch ausgesehen haben.
Von dieser Seite möchte ich mehr sehen: Ich mache mich auf zum Burgareal. Die Festung von Novi Sad war einst die größte Festung Europas. Sie umgibt das Stadtteil Petrovaradin, welches erst seit 1945 offiziell zu Novi Sad gehört.
Um nach Petrovaradin zu gelangen, muss man den Stadtkern verlassen und die große Varadin-Brücke überqueren, unter der sich die Donau entlangschlängelt. Was heute so friedlich wirkt, zeigt jedoch die Narben der Stadt und des gesamten ehemaligen Jugoslawiens auf. Denen begegnet man in Serbien und den Balkanländern noch heute überall. 1999 wurde bei einem Angriff der NATO gegen Jugoslawien nämlich der Vorgänger der Varadin-Brücke zerstört. Der Angriff gilt als völkerrechtswidrig und kostete viele Zivilisten das Leben.
Aber zurück zu Petrovaradin. Ich entdecke hier ein weiteres Juwel der Stadt. Der Stadtteil ist klein und überschaubar. Ich sehe vor mir, wie hier einst Angehörige der Habsburger Monarchie auf Kutschen über die Straßen holperten, die heute von Autos genutzt werden. Wie Händler am Straßenrand vor ihren kleinen Häusern Waren anboten und Frauen bei geöffneten Fenstern Brot backten.
Natürlich weiß ich nicht wirklich, wie hier einst das Leben aussah. Aber noch ist das Alter des Viertels Petrovaradin zu spüren und zu sehen, auch wenn die Kronen an den Balkonen heute etwas schief hängen und auch hier mal wieder die Fassaden langsam den Geist aufgeben.
Von der Festung aus hat man anschließend einen tollen, weiten Blick über die Donau und die Stadt auf der anderen Seite. Hier übrigens findet jedes Jahr das Exit-Festival statt.
In der Burg gibt es ein Museum, welches ich jedoch etwas unbefriedigend fand. Ich hatte auf mehr Hintergrundgeschichte der Stadt und der Festung gehofft. Stattdessen ging es in erster Linie um die Entwicklung von Waffentechniken, Soldatenuniformen und Belagerungen.
5) Zusammenfassende Informationen zu Novi Sad
Internet gibt es in vielen Cafés und Restaurants. Auch in den Unterkünften gibt es stabiles Wlan.
Für die Steckdosen benötigst Du keinen speziellen Adapter.
Novi Sad bietet allerdings ebenfalls viele köstliche Optionen für Vegetarier und Veganer. Ich selbst habe das Bananas getestet und war ganz begeistert vom Essen.
Sehr ans Herz kann ich das City Hostel Novi Sad* legen. Eine Künstlerin hat das gesamte Hostel mit Malereien ausgestattet. Die Mitarbeiter sind herzlich, gastfreundlich und sehr hilfsbereit. Die Zimmer und Bäder sind ebenfalls völlig in Ordnung. Zum Hostel gehört ein Innenhof mit schöner Bar, in der man gerade im Sommer wunderbar sitzen kann. Morgens gibt es dort Tee, Kaffee und Säfte.
Leider ist Novi Sad eben nicht besonders touristisch. Das macht ja auch den großen Reiz der Stadt aus. Allerdings habe ich bei meinem Aufenthalt dort deshalb keine anderen Reisenden im Hostel kennengelernt.
Ansonsten gibt es noch einige weitere Hostels* in Novi Sad. Auch an Hotels* und Apartments* mangelt es natürlich nicht.
6) Abschließende Worte
Weiterführende Artikel zu Novi Sad:
- Das Team von Kofferpacken.at hat das alternative Novi Sad entdeckt
- Auch Elene von Creativelena empfand Novi Sad als hipp und geschichtsträchtig
Weitere Artikel zu Osteuropa:
- Einen ähnlichen Eindruck hat bei mir Kosice in der Slowakei hinterlassen
- Wie wäre es mit einem Abstecher in den Tara Nationalpark (Serbien)?
- Oder entdecke Burg Devin und Umgebung in Bratislava (Slowakei)
- Mit meinem Guide für eine Osteuropa Rundreise und Balkan Rundreise bist Du bestens vorbereitet
Wunderbarer und nützlicher Text. Ich möchte mit meinem eigenen Auto über das neue Jahr nach Serbien kommen und würde gerne Ihre Erfahrungen über private Wohnungen mit Parkplatz hören (zum Beispiel Unterkunftshof https://prenocistedvoriste.rs/ im Zentrum von Novi Sad) oder is ist es sicherer, in einem Hotel zu übernachten? Danke im Voraus.
Hey, das sieht super interessant aus – genau die Art Städte, die ich mag. Nicht leicht zu bereisen, vor Ort denkt man oft, was man da eigentlich verloren hat… aber ich bin mir sicher, wenn da alles in ein paar Jahren aufgehübscht und glatt gebügelt ist, wirst du froh um die Erfahrung sein!
Liebe Grüße,
Tatiana
P.S. Osteuropa-Rundreise ohne Plan klingt richtig gut – hört sich nach einer spannenden Reise an!
Hallo Tatiana,
vielen lieben Dank für deinen Kommentar. Ich bin auch wirklich gespannt, wohin es mit Novi Sad noch gehen wird :-).
Ich mag den Mix zwischen Alt und Neu immer sehr gern.
Beste Grüße,
Marie