Umgekehrter Kulturschock Heimkehr Rückkehrer Blues

Umgekehrter Kulturschock: 4 Strategien, die Dir durch den Rückkehrer-Blues helfen

Der umgekehrte Kulturschock ist ein erforschtes psychologisches Phänomen und kann ganz unterschiedliche Symptome mit sich bringen. Die Rückkehr nach einer Reise kann sich also ziemlich unangenehm anfühlen. Aber es gibt Möglichkeiten, diese Zeit gut zu überstehen.

Dies ist ein Gastartikel von Laura von Mind Set Travel.

 


 

1) Heimkehren als umgekehrter Kulturschock

 

Auf dem Weg vom Münchner Flughafen nach Hause muss ich weinen. Die Autobahn ist so glatt, so wohlorganisiert. Der Rechtsverkehr macht mich ganz schwindelig. Die maigrünen Felder rechts und links sehen irgendwie unecht aus, als wären sie gefegt worden. Das Käsebrot, das mein Vater mir auf meinen dringlichen Wunsch mitgebracht hat, klebt mir am Gaumen, und von der Apfelschorle wird mir schlecht.

 

Nach fünf Monaten in Kenia bin ich zurück in Deutschland und habe einen umgekehrten Kulturschock.

 

Die Heulerei packt mich noch ein paar Mal. Abends beim Griechen, wo meine Familie meine Rückkehr feiert und wo mich die Auswahl auf der Speisekarte völlig überfordert. Nachts im Bett, wo mir bewusst wird, dass ich nicht weiß, wann ich meine neu gewonnenen Freunde wiedersehen werde. Und jedes Mal, wenn ich mir dieses eine Lied auf Youtube anhöre, das in Kenia der neueste Hit ist.

Ich wünsche mir ein Loch in der Erde, in das ich verkriechen kann. Ich träume davon, wie ich einfach verschwinde. Mit meinen Freunden in Deutschland komme ich erst mal nicht klar. Es kommt mir vor, als müsste ich mich vor ihnen für irgendetwas rechtfertigen.

Ich zwinge mich förmlich, meinen Vater beim Wocheneinkauf zu begleiten und stehe perplex vor der Auswahl im Kühlregal. Wenn mich jemand fragt, wie es war (Was für eine Frage!), sage ich die Wahrheit: Unglaublich schön, und dass ich wieder hinreisen werde. Aber wann?

 

 


 

2) Auswirkungen einer Rückkehr: Das kann der umkehrte Kulturschock mit Dir anstellen

 

Als erforschtes psychologisches Phänomen kann der umkehrte Kulturschock ganz unterschiedliche Symptome mit sich bringen.

Ich litt unter Überforderung und Unverständnis. Andere Nebeneffekte, die mir glücklicherweise erspart blieben, sind Müdigkeit, Putzfimmel, Wut, Rückzug, Hilflosigkeit, Empfindlichkeit und viele mehr. Er kommt in den verschiedensten Formen und oft viel überraschender als der Kulturschock am Beginn der Reise.

Ich kenne Rückkehrende, die erst mal tagelang mit Grippe im Bett lagen. So was kann man auf die Klimaanlage im Flugzeug schieben oder auf die großen Unterschiede beim Wetter. Oft brauchen Körper und Geist aber einfach eine Pause, ein Zeitfenster und einen geschützten Raum, um sich wieder einzugewöhnen. Sie schaffen sich eine Ausrede: Entschuldigung, ich bin krank. Ich kann mich jetzt noch nicht mit all dem Kram auseinandersetzen.

Manche Rückkehrende räumen sofort alle Andenken weg, waschen die Wäsche und verstauen den Rucksack. So müssen sie sich nicht mehr mit den Erfahrungen der Reise und ihrer Aufarbeitung konfrontieren. Andere wollen das Gepäck und die letzten Staubkörner, die ihm noch aus dem Reiseland anhaften, gar nicht anrühren vor lauter Nostalgie.

Manche werden laut und aggressiv und drücken jedem stundenlange Monologe der Reiseerfahrungen auf. Andere bleiben ganz stumm und wollen mit keinerlei Geschichten herausrücken.

Besonders schwierig ist der Umgang mit Familie und Freunden, weil man sich meistens unverstanden fühlt. Wo soll man anfangen, von seiner Reise zu berichten? Was können die Anderen schon nachvollziehen, ohne jemals dort gewesen zu sein? Werden sie verstehen, wie sehr man sich verändert hat, wie sehr man gewachsen ist an der Reise?

 


 

3) Offenheit als Schutz vor Kulturschock in der Fremde

 

Ich war relativ gut vorbereitet nach Kenia geflogen und war besonders offen der neuen Kultur gegenüber. Natürlich gab es Momente, in denen es mir kurz zu viel wurde. Aber nach fünf Monaten Zeit zum Einleben hatten die Begeisterung für das Land und die schönen Begegnungen diese wenigen Anfangsschwierigkeiten komplett wettgemacht.

Reisenden wird generell eine gewisse offene Haltung zugesagt. Allein die Tatsache, dass Du über Deinen Tellerrand hinausblicken und eine andere Kultur, ein anderes Land und eine andere Lebensweise kennenlernen willst, beweist das ja schon.

Wahrscheinlich bist Du sogar darauf gefasst, dass Dich ein bisschen Heimweh oder auch ein Kulturschock packen könnte. Da Du damit rechnest, überrascht es Dich nicht so.

Mit einer tiefgehenden Reisevorbereitung kannst Du dem Kulturschock im Reiseland zuvorkommen. Setze Dich schon vor Beginn Deiner Reise mit Deinen Erwartungen und den Schubladen in Deinem Gehirn auseinander.

Aber wer hätte gedacht, dass einen der Kulturschock bei der Rückkehr ebenfalls erwischen kann?

 

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4) Idealisierung des Reiselandes bei der Rückkehr

 

Was ich aus Deutschland vermisste, war tatsächlich dunkles Brot mit Käse und vielleicht ein Theater- oder Konzertbesuch. Deutschland diente natürlich als Vergleich, als Norm, an der all meine Erfahrungen in Kenia gemessen wurden.

Ich machte die typischen Gegenüberstellungen: Deutschland war wohlgeordnet, streng und einschränkend. Kenia war chaotisch, locker und offen für alles. So einfach ist das übrigens nicht. Ich bediente klischeehafte Stereotype und vergaß globale Machtverhältnisse. Aber in diesem Moment erschien es mir so. Kein Wunder, dass ich mich bei meiner Rückkehr eingeengt fühlte und mich zurücksehnte.

 

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5) 4 Strategien, um durch den umgekehrten Kulturschock zu kommen

 

Wenn Du ihn nicht hast, dann schätze Dich einfach glücklich. Aber wenn Du auch nur eine leichte Form von Startschwierigkeiten nach Deiner Rückkehr erlebst, gibt es nur einen Weg: hindurch. Vermeiden oder verdrängen geht nicht.

 

1. Übe Akzeptanz

 

Sei nett und geduldig. Zu Deinem Umfeld, aber besonders zu Dir selbst. Ein umgekehrter Kulturschock oder auch nur Unbehagen bei der Rückkehr sind ganz normal. Nimm Dir Zeit für Dich selbst, wenn Du das Gefühl hast, dass Du allein sein möchtest. Oder suche Dir Gesellschaft, wenn Dir danach ist.

Lenke Dich ab, wenn das Gedankenkarussell mal wieder nicht zu stoppen ist. Und verzeihe Deinen Freunden und Familienmitgliedern ihre Aufdringlichkeit oder ihr Unverständnis. Sie können sich wirklich schwer in Dich hineinversetzen. Vielleicht kannst Du es ihnen ja so erklären: Ich bin gerade noch ein bisschen verwirrt. Die Reise muss ich wohl erst noch verarbeiten. Das kommt mit der Zeit. Jetzt würde ich gern allein sein / mit euch ins Kino gehen / mein Lieblingsessen essen / euch Fotos zeigen / …

 

2. Verstehe Komplexität

 

Das Gehirn ist eine komische Angelegenheit. Es heißt, wir nutzen nur einen Bruchteil seiner Kapazität. Trotzdem vereinfacht es alles. Es packt alles in Schubladen und bastelt sich so ein Weltbild zusammen. Es braucht Orientierungspunkte, sonst kommt so einiges durcheinander. Deshalb stellt es ständig Vergleiche an, bewertet Situationen und erschafft Stereotype. So kommen die oben genannten Unterschiede zustande.

Wir konzentrieren uns auf das Andere im Ausland, weil wir von unserem Alltag als Norm ausgehen. Von dieser Norm ist bei unserer Rückkehr ein Idealbild übrig. Und das kommt natürlich sofort ins Wanken, sobald sich herausstellt, dass nicht alles so einfach ist.

Die Armut, die Gastfreundlichkeit, die Ausgelassenheit, die Naturverbundenheit der Menschen in Deinem Reiseland: Das sind alles Klischees, die Dein Gehirn erwartet und demnach auch gefunden und eingeordnet hat. Aber hier spielen globale wirtschaftliche und politische Machtverhältnisse hinein. So einfach ist das also gar nicht.

Auch die Bürokratie, der Sicherheitswahn und die strenge Organisiertheit in Deutschland, die Dir nach Deiner Reise noch mehr auffallen werden, sind geschichtlich und gesellschaftlich bedingt und gewachsen. Und sie haben durchaus ihre gute Seite. Sie erlauben Dir, Geld zu sparen, Visa zu beantragen, Versicherungen abzuschließen und ja, die typisch deutsche Ordnung ist es auch, die Dir erlaubt, zu reisen.

Sei dankbar dafür. Sieh nicht alles nur schwarz-weiß. Es gibt auf beiden Seiten Grauzonen, die die eigentliche Buntheit einer Kultur ausmachen.

 

3. Erschaffe neue Routinen

 

Wann bist Du vor Deiner Reise immer aufgestanden? Stelle Deinen Wecker. Welchen Sport hast Du getrieben? Fange wieder damit an. Was hast Du gegessen? Iss das. (Du wirst aber sicher liebgewonnene Gerichte aus Deinem Reiseland mit in die Routine einbauen.) An welchen Orten warst Du? Gehe dorthin. Wen hast Du regelmäßig angerufen oder getroffen? Triff Dich mit Menschen, wenn Dir danach ist. Gehe einkaufen, wasche Wäsche, geh ins Café.

Es heißt immer: Man lebt sich viel zu schnell wieder im deutschen Alltag ein. Das lässt sich aber nicht vermeiden und ist ganz normal und sogar hilfreich. Du kannst das neue Frühstück, den neuen Yoga-Flow, den neuen Smartphone-Hintergrund, die neu gewonnene Motivation und die kleinen mentalen Schätze von Deiner Reise ja einfach mit einführen und von ihnen zehren.

 

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4. Austausch und Aufarbeitung

 

Ich möchte nicht grundsätzlich darauf bestehen, dass Reden immer das Beste ist. Aber aus eigener Erfahrung weiß ich: Was raus ist, ist raus und belastet mich weniger. Ich hatte nach meiner Reise bald mehrere Vorträge zu halten. Das zwang mich dazu, meine Fotos und Tagebücher durchzugehen. Ich habe das gerne gemacht. Das war wie ein Archivierungsprozess meiner Erfahrungen. Damit waren die schlechten abgehakt und die schönen gespeichert.

Ich habe vor mehreren mir unbekannten Schulklassen und Erwachsenen gesprochen. Das gab dem Ganzen einen Hauch von Anonymität und Formalität. Mein Vortrag war natürlich sehr persönlich und erntete viel Applaus. Aber ich bekam auch Abstand dazu und habe den umgekehrten Kulturschock dadurch gut verarbeitet.

Wenn Du denkst, dass Dich Dein Umfeld sowieso nicht verstehen würde, dann tausch Dich doch einfach mit Gleichgesinnten aus. Die findest Du im Internet auf Blogs und in Foren, bei Rückkehrer-Treffen, im Sprach-Café, beim Couchsurfing-Meeting oder anderen Meetups oder auf Reisemessen. Und wer weiß, vielleicht hat doch auch eine entfernte Verwandte mal eine weite Reise unternommen und kann Dir von ihrer Rückkehr erzählen?

 


 

6) Abschließende Worte

 

Ein umgekehrter Kulturschock ist die Art, wie Dein Gehirn und Deine Seele mit der Rückkehr in die Heimat umgehen. Wenn er kommt, ist das ganz normal und er vergeht auch wieder. Glücklicherweise gibt es Strategien, wie Du einigermaßen heil hindurch kommst. 

 

Mind Set Travel Umgekehrter Kulturschock

Laura pendelt mit ihrer Familie zwischen Kenia und der Welt. Sie glaubt fest daran, dass Achtsamkeit und Ehrlichkeit über eigene Vorurteile die Reiseerfahrung nur vertiefen. Auf Mind Set Travel  inspiriert sie mit ihren authentischen Geschichten. In ihrem Kurs VorFreudeBereitung  hilft sie Dir, Deine nächste Reise ganz entspannt und verantwortungsbewusst zu planen.

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